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Zafón und der Friedhof der vergessenen Bücher — eine Liebeserklärung an Barcelona. Bücher über Barcelona: Die besten Romane & Tipps:

Aktualisiert: 16. Mai

Antiquariatsbuchhandlung in Barcelona – Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón

Barcelona Bücher Zafón – manchmal werde ich gefragt: „Können wir den Friedhof der vergessenen Bücher sehen?" Und jedes Mal muss ich erklären, dass er nicht existiert — zumindest nicht als Gebäude. Aber als Idee, als Stimmung, als Versprechen existiert er sehr wohl. Wer durch das Raval geht, durch die engen Gassen des Barri Gòtic, an der Kirche Sant Felip Neri vorbei — der spürt, dass Zafón sich diese Stadt nicht ausgedacht hat. Er hat sie nur ein wenig tiefer gegraben.

Ich lebe seit über zwanzig Jahren in Barcelona und arbeite als Fremdenführer. Ich gehe täglich an den Schauplätzen vorbei, die Zafón beschrieben hat. Und ich habe alle vier Bände seiner Tetralogie gelesen: Der Schatten des Windes, Das Spiel des Engels, Der Gefangene des Himmels und Das Labyrinth der Lichter. Was ich dabei erlebt habe, möchte ich hier erzählen — für alle, die Barcelona lieben, lesen, oder beides.

Ein Friedhof als Weltliteratur

Beginnen wir mit dem, was Zafón geleistet hat: Er hat eine Stadt in Literatur verwandelt. Nicht zum ersten Mal, Barcelona hat das öfter erlebt. Aber mit dem Friedhof der vergessenen Bücher — jenem labyrinthartigen Gebäude irgendwo in den Schluchten des Raval, in dem die Bücher aller Schriftsteller aller Zeiten sicher aufbewahrt werden — hat er eine Metapher erfunden, die weit über Barcelona hinausweist. Bücher, die dem Vergessen entgehen. Geschichten, die auf den richtigen Leser warten. Eine schöne Idee. Eine notwendige Idee.

Dabei hat Zafón, wie die Kenner der Barceloner Literatur wissen, sich auf diesem Friedhof selbst kräftig bedient — bei Mercè Rodoreda, bei Juan Marsé, bei Eduardo Mendoza. Aber das macht er so charmant, dass man es ihm verzeiht. Und er hat damit etwas Wichtiges getan: Er hat Leser auf eine Stadtliteratur aufmerksam gemacht, die weit reicher ist, als die meisten ahnen.

Els Quatre Gats Barcelona – Schauplatz in den Romanen von Carlos Ruiz Zafón

Der erste Roman: Ein Meisterstück aus einem Guss

Der Schatten des Windes erschien 2001 auf Spanisch und wurde zu einem der meistverkauften Romane der spanischen Literaturgeschichte — über 15 Millionen Mal, in 36 Sprachen übersetzt. Wer ihn gelesen hat, versteht warum.

Der zehnjährige Daniel Sempere, Sohn eines Buchhändlers in der Franco-Ära, wird von seinem Vater zum Friedhof der vergessenen Bücher geführt. Er darf sich ein Buch aussuchen — und wählt einen Roman eines gewissen Julián Carax, von dem niemand mehr etwas zu wissen scheint. Was folgt, ist eine verschachtelte Ermittlung durch die dunkelsten Jahrzehnte Barcelonas: die Bürgerkriegszeit, die Franco-Diktatur, moralischer Verfall, ungesühnte Verbrechen, und mittendrin ein brutaler Polizeiinspektor namens Fumero, der über Generationen hinweg sein Unwesen treibt.

Was diesen Roman auszeichnet: Er ist aus einem Guss. Die Atmosphäre stimmt von der ersten bis zur letzten Seite — das dunkle Barcelona der Nachkriegszeit, die Buchhandlung der Semperes, die schroffe Poesie der Gassen. Zafón erzählt mit Ironie und Selbstironie, mit Metaphern, die manchmal etwas üppig geraten, aber immer Stimmung erzeugen. Man fragt sich bei Sequels ja immer: Ist das nicht nur ein Aufguss? Beim Schatten des Windes möchte man am liebsten, dass er nie aufhört.

Das Spiel des Engels: Der Teufel steckt im Detail

Der zweite Band ist eigentlich ein Prequel — er spielt in den 1920er Jahren und erzählt die Vorgeschichte zu allem, was im ersten Band geschieht. Im Mittelpunkt steht der junge Schriftsteller David Martín, der in einem Haus mit einem seltsamen Turm irgendwo in Barcelona lebt und einen Vertrag mit einem mysteriösen Pariser Verleger namens Andreas Corelli schließt. Der Auftrag: eine Religion schreiben. Ein Buch, für das Menschen leben und sterben würden.

Wer Corelli ist, wird Zafón nie eindeutig sagen. Aber die Andeutungen sind deutlich genug: ein Engel, der keiner ist. Ein Teufel, der sich höflich gibt. Das Buch ist dunkler als der erste Band, labyrinthischer, manchmal fast schauerromantisch — und gerade darin liegt sein Reiz. Das Barcelona der Zwischenkriegszeit, die Verlage und Spelunken, der Hafen und die Hügel — Zafón kennt seine Stadt.

Mein Tipp: Das Spiel des Engels nicht allein lesen. Es entfaltet seine ganze Wirkung erst, wenn man weiß, was aus den Figuren wird.

Der Gefangene des Himmels: Die Wahrheit hinter den Kulissen

Der dritte Band ist der kürzeste und konzentrierteste der Tetralogie. Wir sind zurück bei Daniel Sempere, jetzt 22 Jahre alt, und bei seinem unverwüstlichen Freund Fermín Romero de Torres — einer der komischsten und gleichzeitig menschlichsten Figuren, die Zafón je erfunden hat. Ein ehemaliger Geheimdienstler, hochgebildet, schlagfertig, und auf der Straße aufgelesen.

Fermín erzählt, was wirklich geschah: die Jahre im Gefängnis auf dem Montjuic, die Begegnung mit David Martín, die Geschichte von Daniels Mutter Isabella. Das Kastell auf dem Montjuic — ich gehe dort mit Gästen vorbei, erkläre, dass es unter Franco als Gefängnis und Hinrichtungsstätte diente. Zafón hat diesen Ort in seinen Roman eingebaut, und das mit historischem Gewissen: Die Grausamkeit des Franquismus, die Willkür der Wächter, die Politik des Vergessens. Fermín überlebt das alles mit Würde und Witz — und das macht diesen Band, trotz seiner Kürze, unvergesslich.

Das Labyrinth der Lichter: Ein würdiger Abschluss

Und dann der vierte Band — mein persönlicher Favorit. Das Labyrinth der Lichter erschien 2016 auf Spanisch und führt alle Erzählstränge der Tetralogie zusammen. Das ist keine kleine Aufgabe: Vier Bücher, Dutzende von Figuren, Zeitebenen von den 1920er Jahren bis in die frühen 1990er. Zafón löst das mit einer neuen Protagonistin — der jungen Ermittlerin Alicia Gris, die brillant, eigenwillig und unerschrocken durch ein Barcelona der Übergangszeit zur Demokratie streift.

Was Das Labyrinth der Lichter so befriedigend macht: Es beantwortet die Fragen, die über drei Bände hinweg offen geblieben sind — wer Mauricio Valls wirklich war, was mit David Martín geschah, woher der Friedhof der vergessenen Bücher wirklich kommt. Und es tut das ohne falsche Sentimentalität, ohne aufgesetzte Dramatik. Die letzten Seiten dieses Romans haben etwas, das man von Literatur selten bekommt: das Gefühl, dass eine Geschichte zu einem wirklichen Ende gekommen ist.

Was bleibt

Ich sage meinen Gästen immer: Zafón hat Barcelona nicht erfunden. Aber er hat es vielen Lesern erst sichtbar gemacht — die dunklen Gassen, das Meer am Ende jeder Straße, das Gewicht der Geschichte, das man hier noch spürt, wenn man weiß, wo man hinschauen muss.

Ob der Friedhof der vergessenen Bücher existiert? Vielleicht nicht als Gebäude. Aber ich bin seit zwanzig Jahren Fremdenführer in dieser Stadt. Und ich kann Ihnen versichern: Die Bücher, die hier geschrieben wurden, warten auf Sie. Man muss sie nur finden.

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