Wie die Drachen nach Barcelona kamen.

Drachen findet man auch in anderen Städten. Klagenfurt hat einen Lindwurm Brunnen. In München gibt es sogar eine Lindwurm Straße, und an die Südwestecke des Neuen Münchner Rathauses, dem sogenannten Wurmeck, klammert sich ein geflügelter Drache.

Doch nirgends gibt es so viele Drachen wie in Barcelona. Allein in der Innenstadt wurden mehr als tausend gezählt.

Warum es so viele sind, weiß niemand so recht. Wissenschaftler und Gelehrte entwarfen die abenteuerlichsten Theorien.

Überzeugend finde ich allerdings die Erklärung, die der andorranische Fotograf Josep Martínez im Vorwort seines Bildbands „Drakcelona, Stadt der Drachen“ gibt.

(Josep Martínez; Drakcelona.Ciudad de los dragones;  2011;  Ariola Editors)

Die Legende von Drakcelona

Sie kamen von überall her. Von den eisigen Ebenen des Himalaya, von den Hängen des Fujiyama, von der zerklüfteten Steilküste Irlands, aus den Erdlöchern italienischer Vulkane, aus den grünen Tiefen der Karpaten, aus dem vietnamesischen Urwald, aus den Eichenwäldern Englands, aus dem smaragdgrünen Dschungel Iucatáns, und von den glühend heißen Sanddünen der Namibisichen Wüste.

Auch die kontaktscheuen Bewohner der tiefen und blauen norwegischen Fjorde kamen. Die ältesten von ihnen, nämlich die Australier, kamen als letzte.

Manche von ihnen sind rot oder gold. Es gibt weiße, blaue, schwarze, grüne. Sie sind Chinesisch, nordisch, kommen aus dem Meer, sind  gefiedert oder haben Schuppen. Sie können Giganten sein,  oder Winzlinge.

Mehr als tausend Exemplare, Vertreter verschiedener Gattungen und Stammbäume, allesamt Überlebende der menschlichen Gier, kamen in die Stadt. Sie waren immer nur nachts unterwegs,  im Schutz der Dunkelheit, umgeben von Wolken und Nebelschwaden. Sie schwommen in Bächen und unter dem Meer.

Auf Jahrtausenden alten Schleichwegen überquerten sie Berge.

Einige wenige wagten es, auch untertags zu reisen. Sie versetzten all diejenigen, die sich nicht erklären konnten, was sie da sahen, in Staunen und Aufruhr.

Noch nie hat man so viele von ihnen vereint gesehen.

Die Nacht, in der sie ankamen, war pechschwarz. Nasser, klebriger, nach Schwefel riechender Nebel waberte in den stillen Straßen. Viel zu still waren sie, und dazu noch dunkel.

Wenn man die Ohren spitzte, konnte man kaum hörbare Geräusche vernehmen, die von den Dächern zu kommen schienen.

Unheimliches dumpfes Poltern.

Wie vereinbart , ließen sie sich auf den ihnen zugewiesenen Plätzen nieder. Dort  verharrten sie und begannen auf ihren Moment zu warten. Um Mitternacht hatten alle ihren Platz gefunden. Alle warteten sie nun.

Die Zeit des Wartens war lang. Sehr lang.  Zu lang .

So lang, dass einige von ihnen vergaßen , warum sie in die Stadt kamen.

So lang, dass manche zwischen den Steinen und Wänden , wo sie sich versteckt hatten, einschliefen.

So lang, dass andere von ihnen sich dazu verleiten ließen, die Ausflugsboote  dabei zu beobachten, wie sie mit Touristen beladen über das Wasser des Hafens glitten.

So lang, dass mehr als einer von ihnen schrumpfte und so klein wurde wie die Mosaiken der Jugendstil Künstler.

Sie warteten so lang, dass sie die Scheu vor den Menschen verloren und keine Angst mehr hatten, von den Passanten entdeckt zu werden, denen sie dann mitunter auch ein Lächeln schenkten.

Es verging so viel Zeit seit ihrer Ankunft, dass sie schließlich in dieser wundervollen Stadt blieben, die sie einst so warmherzig aufgenommen hatte.

Sie fühlten sich hier so wohl, dass sie beschlossen, die Stadt ihre zu machen und sie zu beschützen. Sie tauften sie „Drakcelona“, Stadt der Drachen.

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