Eine kleine Barcelona Stadtführung durch die „Nit de Sant Joan“ Teil 2

Pulverdampf hängt in der Luft.

Weiße Rauchwolken treiben wie bodennahe Kondensstreifen über den gelben Sandstrand hinaus aufs dunkle Meer, vom Licht der Straßenlaternen und der nächtlichen Freudenfeuer beschienen.

Ab und zu zischen Feuerwerksraketen durch die Luft.

Es herrscht eine ausgelassene Stimmung am Strand. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Jedermann scheint zum Feiern in die Barceloneta gekommen zu sein. Es ist wie an Sylvester. Nur wärmer.

Menschen tanzen im Sand, eine Flasche Bier oder ein Glas Caipirinha in der Hand. Andere sitzen in munteren Gruppen zusammen, rauchen, quatschen, oder rennen übermütig in die Brandung.

Die Leute feiern die Sommersonnwende. Ab morgen werden die Nächte zwar wieder länger, aber der Sommer fängt jetzt erst richtig an.

Auch meine Freunde und ich tollen im Wasser herum. Neben mir Aurora, die für einen Kongress nach Barcelona gekommen ist und sich entschieden hat, ein paar Tage länger zu bleiben und mit uns den Beginn des Sommers zu feiern.

Die Johannisnacht, la noche de Sant Juan, ist „la nit de foc“, die Nacht des Feuers, eines der wichtigsten Feste in Katalonien.

Böller und Feuerwerk, Pulverdampf und Licht gehören einfach dazu. Erlaubt ist alles, was blitzt und kracht. Vor allem den Kindern und Jugendlichen bereitet es ein besonderes Vergnügen, Knallfrösche in Gullis anzuzünden. Ungeduldig fiebern sie der Nacht des Feuers entgegen. Diejenigen, die es gar nicht erwarten können, lassen ihre Böller schon Tage vorher knallen.

Das traditionelle nächtliche Bad im Meer bringt Glück und hilft, die Sünden des letzten Jahres wegzuwaschen.

Der Volksmund sagt: „Bany per Sant Joan, salut per tot l’any“ (ein Bad in der Johannisnacht, Gesundheit das ganze Jahr“

Da man im Katalanischen ein „Y“am Wortende nicht ausspricht, reimt sich der Spruch.

Was für ein Glück, dass die Leute nicht zur Wintersommerwende im Meer baden! (Obwohl am Neujahrstag die ganz Abgehärteten traditionell durchs Hafenbecken schwimmen)

Aurora und ich waten zurück ans Ufer. Zwei Nackedeis rennen an uns vorbei und tauchen kopfüber durch eine Welle.  Wir hingegen lassen uns klitschnass auf unsere Decke plumpsen. Aurora gießt den letzten Rest Cava in zwei Plastik Sektflöten, die neben uns im Sand stecken; für jeden gibt’s gerade mal einen Schluck. Wir stoßen an und kippen ihn runter. Ich schiebe mir noch ein Stück Coca in den Mund.

Cava ist katalanischer Sekt, Coca eine Art Hefezopf, der mit kandierten Früchten belegt ist. Beide sind wichtige Bestandteile des Festmahles. Eine Mittsommernacht ohne Cava und Coca wäre wie Weihnachten ohne Lebkuchen:  ein Unding. Imposible.

Wir fingen schon am Morgen mit unseren Vorbereitungen fürs Fest an.

Am Nachmittag  begleitete Aurora mich auf einer Stadtführung durch Barcelona. Danach gingen wir für unser Festmahl einkaufen.

In einer Bodega in meiner Nachbarschaft erstanden wir ein Paar Flaschen Juvé y Camps, mein absoluter Lieblings Cava. Schon allein das Design der Flasche ist eine Verheißung.

Die Coca kauften wir in der  Ökobäckerei Baluard in der Barceloneta. Ich bin überzeugt, zöge Gott aus Frankreich nach Katalonien , dann würde er sein Baguette nur dort holen. .

Die Cocas sind einfach unglaublich gut.

(Carrer del Baluard, 38, geöffnet: Mo – Sa. 8 h – 21 h )

In der Johannisnacht kocht man in Katalonien so richtig auf und genießt ein besonders reichhaltiges Abendessen mit Freunden und Familie.

Man isst zu Hause, in Restaurants oder man tafelt mit den Nachbarn wie im Biergarten an langen Tischen auf der Straße.

Wir luden zu einem Grillfest auf unsere Dachterasse, die wir mit Lichterketten geschmückt hatten. Freunde brachten selbstgemachte Tapas, Tortillas, Wein, Cava und natürlich jede Menge Cocas.

Es war ein heiteres Festmahl in lauer Nachtluft, hoch oben im fünften Stock. Auf den Terrassen um uns herum feierten Leute ebenfalls Parties. Ihre Stimmen und ihr Gelächter drangen zu uns, und unser Gegacker wahrscheinlich hinüber zu ihnen.

So waren wir alle vereint in der Nacht: lauter feiernde gutgelaunte Menschen auf ihren Terrassen; allesamt hell erleuchtete Inseln in der Dunkelheit.

Um Mitternacht beschlossen wir dann,  uns zum Strand aufzumachen und tauchten ins Gewühl hinein.

Mittlerweile sind wir wieder auf dem Weg nach Hause. Aber das Fest ist noch lange nicht zu Ende. Im Kühlschrank stehen noch ein paar Flaschen Cava, und auf der Terrasse liegen auf Tellern noch Coca Stücke herum.

Die Nacht ist viel zu schön, um schon ins Bett zu gehen.

Einen Kommentar schreiben

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*